Veränderte Risikoeinschätzung für Kupfer

Was sich da mit dem Fokus auf China und die Ukraine in den letzten Tagen an den Kapital- und Rohstoffmärkten abgespielt hat, hinterlässt viele Fragen. Haben die chinesischen Astrologen mit ihren Prognosen eines schwierigen Jahres so schnell Recht bekommen? Ist es nur ein zufälliges Zusammentreffen verschiedener Negativfaktoren? Oder ist es das Sichtbarwerden unterschwelliger Veränderungen? Für den Kupfermarkt war es so etwas, wie ein kleiner schwarzer Freitag. Als am 07.03. die Kupfernotierungen an der LME über-raschend um rund 125 US$/t nachgaben und die Marke von 7.000 US$/t unterschritten wurde, rechnete kaum jemand mit dem was folgen würde. Chinesische Fonds und andere Anleger starteten in Erwartung niedrigerer Preise umfangreiche Verkaufsaktionen. Da bei fallenden Preisen auch automatische Verkaufsorder ausgelöst wurden, fand der Kurs erst bei etwa 6.500 US$/t einen vorläufigen Boden.

Auslöser war ein eigentlich geringer Anlass. Erstmals wurde formell bekannt, dass eine kleinere chinesische Solarfirma eine Anleihe nicht mehr bedienen konnte und erstmals erfolgte keine staatliche Unterstützung. Hieraus entstanden Ängste vor weiteren Zahlungs-ausfällen, die das chinesische Bankensystem künftig nicht mehr absorbieren würde. Veränderungen im Kreditwesen, die Abwertung des Yuan und die hohe negative Arbitrage zwischen SHFE und LME seien zudem geeignet die bisherige Praxis der Kreditfinanzierung durch Kupferbestände in Frage zu stellen, hieß es. Eine Auflösung der vorhandenen Bestände in Zolllagern sei denkbar. Zugleich ließen geringere chinesische Warenexporte und eine niedrigere Industrieproduktion im Januar/Februar 2014 konjunkturelle Sorgen entstehen.

All dies führte auch zu einer veränderten Risikoeinschätzung für Kupfer: man sah Gefahren für den Kupferbedarf, da das Land über einen Weltmarktanteil von rund 44 % verfügt und man befürchtete, dass sich aus der plötzlichen Auflösung von Kupferbeständen ein uner-warteter Mengenüberschuss am Markt ergeben könnte.

Bei genauerer Betrachtung ergibt sich jedoch ein differenzierteres Bild. Die Industrie-produktion Chinas im Januar/Februar 2014 war mit plus 8,6 % gegenüber dem Vorjahr immer noch hoch, beim Export traten Verzerrungen durch die Feiertagspause des chinesischen Neujahrsfestes auf. Der größte chinesische Kupferproduzent Jiangxi sieht den Kupferbedarf Chinas 2014 in der Größenordnung des angestrebten Wirtschaftswachs-tums von 7,5 % wachsen. In einer Umfrage gaben 91 % der chinesischen Produzenten von Gießwalzdraht an, dass mit einer Verbesserung der Ordertätigkeit im März zu rechnen sei.

Hinsichtlich der möglichen Auflösung von Kupferbeständen standen vor allem die Mengen in den Zolllagern Shanghais im Fokus. Sie liegen derzeit bei 700.000 bis 800.000 t und stellen damit keine Größe dar, die geeignet wäre, den Markt zu überfluten. Dies zeigt die Situation im Jahr 2013: Hatten damals die Zolllagerbestände in Shanghai am Jahres-anfang noch bei 750.000 t bis 800.000 t gelegen, waren sie bis Mitte 2013 auf rund 400.000 t abgeschmolzen. Dies hatte der globale Kupfermarkt ohne eine Überschussbildung verkraftet. Dennoch ist derzeit eine Bewertung der Sachlage schwierig. Dies gilt auch für den gesamten Kupfermarkt. Es fehlt an richtungsweisender Orientierung.

Zu dieser würde auch die Einbeziehung der Produktionsseite gehören. Hier mehren sich jüngst die Meldungen über temporäre Produktionsausfälle. Sie sind zum Teil technischer Natur (Sterlite/Indien und Venta-nas/Chile) oder hängen im Falle Chinas mit der für Rohstoffimporte ungünstigen Kursdifferenz zwischen LME und SHFE zusammen.

Kupferrohstoffe und Kupferprodukte
Bei Kupferkonzentraten belastet weiterhin die unklare Exportsituation in Indonesien den Markt. Allerdings dürfte es durch die Produktionsausfälle bei Hütten wieder zu einer deutlichen Verbesserung des Angebots im Spot-Geschäft kommen. Codelcos Ventanas-Smelter soll für 23 Tage ausfallen, die Sterlite-Hütte voraussichtlich ebenfalls für 22 Tage. In China reduziert der 400.000 t-Jichuan-Smelter seinen Durchsatz für vier Monate.

Nach dem starken Preisrückgang von Kupfer sind die Spot-Aktivitäten am europäischen Altkupfermarkt deut-lich zurückgegangen. Der Handel sucht nach Orientie-rung und wartet ab, in welche Richtung sich die Preise weiter entwickeln werden.

Europäische Verarbeiter scheinen den Preisrückgang von Kupfer als Chance für günstige Einkäufe von Kup-ferprodukten zu sehen. Zusätzlich begünstigt durch die Stärke des Euro, besteht Interesse an Eindeckungen für spätere Liefertermine. Der Auftragseingang nimmt zu. Die deutsche Industrieproduktion des Januars stieg im Jahresvergleich um 4,6 %, in den USA erholte sie sich vom wetterbedingten Einbruch stärker als erwartet.