Umfrage: Unternehmen fehlt ein Brexit-Notfallplan

im Falle eines Brexits erwartet, laut einer h&z Online-Umfrage, die Hälfte der befragten Unternehmen Preissteigerungen und längere Lieferzeiten, aber nur ein Fünftel der Unternehmen hat einen Notfallplan erstellt. „Die große Mehrheit handelt extrem blauäugig“, fasst Christof Sonderhauser, Projektleiter und Risikomanager bei h&z, die Ergebnisse zusammen. Er vermutet, dass die Dunkelziffer der Unternehmen ohne Notfallplan tendenziell noch höher liegt.

Ob es zu einem Brexit kommt oder nicht, darüber sind sich die befragten Unternehmen uneins. 90 Prozent schätzen, dass britische Unternehmen von den Folgen stark oder sehr stark betroffen wären, während dies nur für ein Viertel der Firmen in Deutschland zuträfe. „Das Risiko für das eigene Unternehmen wird unterschätzt,“ so Christof Sonderhauser. Selbst wenn Lieferanten der ersten oder der zweiten Ebene direkt vom Brexit betroffen wären, beurteilen die Befragten die Auswirkungen auf ihr Unternehmen als mittel bis gering. Dabei sei die Vernetzung in vielen Bereichen zu groß, um sich in einer derartigen Sicherheit zu wiegen, gibt Sonderhauser zu Bedenken. Zumal Großbritannien beim Export für Deutschland der drittwichtigste Handelspartner ist; beim Import liegt das Land auf Platz sechs. Am stärksten würden die Brexit-Folgen die Bereiche Einkauf, Logistik und Vertrieb spüren, und das vor allem in Branchen mit starken Handelsbeziehungen zwischen Großbritannien und Deutschland, also im Maschinen- und Anlagenbau, der Automobilindustrie, im Handel sowie in der Finanz- und Versicherungswirtschaft.

Dass unbewusst vermutlich mehr Unternehmen das Lieferantenrisiko erkannt haben, zeigt die am häufigsten als wichtig erachtete Notfallmaßnahme: die Sicherung der Supply Chain. Dazu gehören explizit Re-Lokalisierung und Lieferantenwechsel. Das heißt, die Suche nach alternativen Lieferanten und das Hochfahren von Lagerbeständen sind für die Unternehmen wichtige Risikopuffer. „Eine Re-Lokalisierung unter klaren Risikogesichtspunkten reduziert die Auswirkungen, die Unsicherheiten und die Wirtschaftseinbrüche et cetera in einem Land auf das gesamte Unternehmen haben“, sagt Thomas Tapp, Senior-Projektleiter und Risiko-manager bei h&z.

Risiken bestehen – egal wie das Brexit-Votum ausfällt
Auch bei einem Nein zum Brexit bleibt eine große Unsicherheit in der Wirtschaft solange bestehen, bis die ausgehandelten Sonderregelungen für Großbritannien vertraglich final geklärt sind. Diese Unsicherheit äußert sich bereits heute – und damit vor der Brexit-Entscheidung – in der spürbaren Zurückhaltung britischer Unternehmen beim Kauf von Investitionsgütern.

„Obwohl im Falle eines Brexits laut Lissabon-Vertrag eine zweijährige Übergangszeit für den Austritt vorgesehen ist, werden die Folgen deutlich früher spürbar sein“, folgert Thomas Tapp. Gut beraten seien diejenigen Unternehmen, die nicht blind in die Situation hineinlaufen, sondern sie rechtzeitig systematisch analysieren und entsprechende Maßnahmen vorbe-reiten. Zur Risikoidentifikation und -bewertung gehört für h&z neben dem bereits ange-sprochenen Supply-Chain-Risikomanagement auch das Vertrags-Management und die Absicherung von Preis- und Währungsrisiken.

Durch neue Zölle und Steuern erhöht sich beispielsweise der Preis von Waren mit entsprechenden Auswirkungen auf die erzielbare Marge. Gut gewappnet ist hier derjenige, der seine Verträge mit britischen Partnern unter anderem hinsichtlich einer einseitigen Vertragsauflösung prüft. Dabei helfen Härtefallklauseln die Mehrkosten bei einem Abbruch der Geschäftsbeziehungen zu vermeiden, indem sie unter gewissen Umständen eine Neuverhandlung der Vertragsbedingungen ermöglichen.

Ferner ist es sinnvoll, Währungsfragen über Zusatzklauseln oder in neuen Verträgen zu regeln. Gegen einen möglichen Absturz des britischen Pfunds, der für EU-Unternehmen zu Absatzeinbrüchen führen kann, sollten sich Firmen durch Maßnahmen wie zum Beispiel Kurssicherungsgeschäfte absichern.

„Die frühzeitige Erarbeitung von Notfallplänen ist für Unternehmen angesichts zunehmender politischer Unsicherheiten immer wichtiger“, ist h&z-Risikomanager Thomas Tapp überzeugt. Dabei könnten einmal erstellte Notfallpläne als Blaupause dienen. „Ein Brexit-Notfallplan rechnet sich früher oder später in jedem Fall.“