Rampenservices von Lidl erhitzen die Gemüter

Der Lebensmittel-Discounter Lidl hat für die Lkw-Abfertigung kostenpflichtige Sonderservices an sechs Standorten eingeführt. Die Reaktion der Logistik-Branche? Empörung. Warum der Vorstoß die Dienstleister zum Nachdenken anregen sollte und welche Strategie wirklich für effiziente Lieferketten sorgt.

„Neue Rampenservices von Lidl erhitzen die Gemüter“, „Lidl löst mit Rampenservice Wirbel aus“, „Wenn sich Lidl da mal nicht verrechnet hat“: Unter diesen Überschriften schilderten in den vergangenen Tagen zahlreiche Fachmagazine einen Vorstoß des Lebensmittel-Discounters Lidl. Laut Medienberichten führt die Supermarktkette an insgesamt sechs Logistikstandorten zwei neue, kostenpflichtige Services ein: eine „Expressrampe“, bei der Lidl für 40 Euro das Ausladen der gelieferten Güter eines Lkw in höchstens 90 Minuten garantiert, sowie eine Entladung außerhalb der üblichen Wareneingangszeiten zwischen 6 und 12 Uhr für 100 Euro pro Lkw. Letzteres richtet sich an Lieferanten, deren Fahrzeuge etwa aufgrund von Staus nicht mehr pünktlich zur Rampe kämen. Sie können – bei rechtzeitiger Anmeldung – künftig auch im Zeitraum von 12 bis 18 Uhr ihre Waren anliefern.

Effizienz nur durch innovative Preismodelle
Ist die Kritik an den neuen Lidl-Angeboten gerechtfertigt? „Hier wird das Problem von der falschen Seite aus angepackt“, meint Philipp Biermann, Leiter der globalen Logistik- und Business-Services-Abteilung von Simon-Kucher & Partners. „Lidl versucht jetzt durch eine Preisdifferenzierung, die vorangeschalteten Teilnehmer der Lieferkette zu mehr Effizienz anzuregen.“ Eigentlich sollte das aber das Bestreben der Logistikdienstleister sein. Sie haben indirekten Einfluss auf ihre Auftraggeber und können ihnen durch innovative Preismodelle unmittelbare finanzielle Anreize bieten, mit ihrem Verhalten für eine effiziente Lieferkette zu sorgen und die Prozesse nachhaltig zu optimieren. „Logistikunternehmen müssen sich fragen, warum sie nicht selbst schon vor Jahren konsequent Aufpreise und Abschläge in Abhängigkeit vom Verhalten des Versenders durchgesetzt haben“, so Biermann. „Kunden mit guten Prognosen, stabilen Mengen oder Sendungen zu Off-peak-Zeiten sollten durch innovative Preismodelle belohnt werden und umgekehrt. Das passiert in der Praxis heute de facto nicht.“

Belohnung für optimales Lieferverhalten
Für wirkungsvolles Supply Chain Management ist es jedoch nötig, dass alle Glieder der Lieferkette abgestimmt zusammenarbeiten. Gemeinsam müssen sie ihre Daten zu bisherigen Logistikprozessen analysieren und zur Optimierung der Supply Chain einsetzen. Die Lösung: Statt Logistikdienstleister mit neuen Kosten zu belasten, müssen diese vielmehr innovative Preismodelle entwickeln, um deren Versender zu bestmöglichem Lieferverhalten anzuregen. „Denn auch wenn Warenströme nicht immer bis ins Letzte vorhersehbar sind und Auftragsvolumina schwanken – mit dem richtigen Anreiz könnte so mancher Versender sein Lieferverhalten anpassen“, sagt Biermann. Dabei gewinnen alle: Logistikunternehmen belohnen Verhalten, dass eine effiziente Lieferkette ermöglicht; wenn also Versender Liefermengen konstant halten, rechtzeitig ankündigen und optimale Lieferzeitfenster auswählen, müssen sie weniger für den Versand bezahlen. Unberechenbares Verhalten wird hingegen mit Aufschlägen bestraft. So wird die Lieferkette insgesamt optimiert – und kostet weniger für alle Beteiligten.