Konjunkturfrühling trotz Aschewolken

Digital Factory 2010„Die Stimmung auf der Hannover Messe 2010 war bei den deutschen Maschinen- und Anlagenbauern – trotz des Vulkanausbruchs und den Folgen des Flugverbots – frühlings- haft-optimistisch“, kommentierte Dr. Hannes Hesse, Hauptgeschäftsführer des VDMA, am Freitag den Verlauf der weltgrößten Industrieschau.

Der Trend ist eindeutig nach oben gerichtet. Offen ist allerdings – wie beim Frühling – das Tempo des Wachstums. Dies wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Die Hannover Messe kann mit ihren Innovationen der Ausgangspunkt für weiteres Wachstum sein“, betonte Hesse.

„Weil die Stimmung auf der Hannover Messe ein Konjunkturbarometer ist, können wir jetzt sagen: Es geht wieder bergauf“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Messe AG, Dr. Wolfram von Fritsch, zum Abschluss der Veranstaltung am Freitag in Hannover. „Zwar hat uns das internationale Flugchaos in den ersten Tagen getroffen, aber die Messe legte einen eindrucksvollen Schlussspurt hin.“

Die massiven Behinderungen im internationalen Luftverkehr zeigten Folgen bei Ausstellern und Besuchern. Die Deutsche Messe reagierte mit einem umfangreichen Maßnahmen- bündel auf die Situation. Mehrere hundert Aussteller wurden aus ganz Europa mit Bussen nach Hannover geholt. Aus der Türkei nahmen beispielsweise 150 Personen eine mehr als 50-stündige Busfahrt auf sich, um in Hannover ausstellen zu können. Aus Neuseeland war eine Ausstellerin 134 Stunden nach Hannover unterwegs. „Viele hundert Unternehmer haben uns eindrucksvoll gezeigt, welche Kraft und welche Bedeutung die Hannover Messe für sie hat“, sagte von Fritsch. Auf Grund der Flugverbote war es allerdings für rund 300 Aussteller unmöglich, ihre Stände noch rechtzeitig zu besetzen. Vor allem Aussteller aus Asien und Amerika konnten nicht nach Hannover reisen.

Das weltweite Flugchaos über Europa wirkte sich auch auf die Besucherzahlen aus. „Die Sperrung des Luftverkehrs und ein tagelanges Hin und Her haben wir am Montag, Dienstag und Mittwoch massiv zu spüren bekommen. Dies konnte bis zum Ende der Messe nicht mehr ausgeglichen werden“, stellte von Fritsch fest. Die Zahl der Besucher aus dem Ausland ist deshalb um etwa die Hälfte gesunken. Insgesamt ging die Zahl der Besucher um rund 20 Prozent auf 150 000 zurück. Deutlich spürbar waren die Rückgänge bei den Besuchern aus Übersee, hier insbesondere aus Asien und Nordamerika.

Von den ausländischen Besuchern kamen die meisten angesichts der Luftraumsperrung erwartungsgemäß aus den Nachbarländern Deutschlands. Aus den Niederlanden kamen sogar deutlich mehr Besucher als 2008. Danach folgten Dänemark, Österreich, Frankreich, die Schweiz und Polen.

„Der Erfolg der Hannover Messe lässt sich in diesem Jahr nicht an der Besucherzahl messen. Diese Veranstaltung wird als Vulkan-Messe in unsere Unternehmensgeschichte eingehen“, sagte von Fritsch.

MobiliTec bringt Hannover Messe „unter Strom”

„Die Zukunft der elektromobilen Welten wird in Deutschland produziert“, sagte Hartmut Rauen, Mitglied der Hauptgeschäftsführung im VDMA und Geschäftsführer der Forschungsvereinigung Antriebstechnik (FVA). Mit seinen Innovationen aus der elektrischen Antriebstechnik unterstreicht der deutsche Maschinenbau seine Schlüsselrolle als Innovationsmotor der Elektromobilität und zeigt die Potentiale für mobile Applikationen eindrucksvoll auf, ob im Elektrostapler, Hybridlösungen für Fahrräder, Motorräder oder Schiffe bis hin zum Auto. „Die Elektrifizierung des Antriebsstrangs ist eine deutsche Technikdomäne. Dies wird auf der Hannover Messe deutlich“, betonte Rauen.

Die E-MOTIVE Initiative fand als Innovationsplattform hohen Anklang unter Ausstellern wie Besuchern. „Das ist ein Super-Netzwerk hier“, so Holger Gritzka vom Batteriehersteller LiTec, der auf der Messe zeigt, dass die Batterietechnologie nicht nur ein Thema in der Automobilindustrie ist, sondern vielmehr auch breiten Einsatz in Maschinenbau und Energiewirtschaft findet.

„Beeindruckend, mit welcher Kreativität die Ingenieure aus dem Maschinenbau an das Thema Elektromobilität gehen und innovative Produkte und Produktionstechnologien generieren“, sagte Dr. Tobias Böhm, Leiter Forschung Antriebssysteme bei Volkswagen, bei seinem Rundgang über den E-MOTIVE Stand auf der MobiliTec.

Gut angekommen ist auch die Kombination aus Expertenforum und Messe: „Die Vortragspräsentation auf dem MobiliTec-Forum bewirkte eine Besucherexplosion auf unserem Stand in unmittelbarer Nähe. Die Interessenten für den Range Extender kamen sofort zum Gespräch“, so Erich Eder, HATZ Diesel, ein bayerischer Mittelständler aus dem Maschinenbau. Christian Baerwolff, Leitung Marketing bei Still, sagte: „Wir sind auf der Hannover Messe, um Zukunftstechnologien für effiziente und umweltverantwortliche Flurförderzeuge zu präsentieren, wie zum Beispiel Hybrid- und Brennstoffzellenstapler. Die Hannover Messe bietet Still eine gute Technologieplattform um als innovatives Unternehmen entscheidende Impulse zu setzen.“

Aussteller aus unterschiedlichsten Bereichen zeigen auf der MobiliTec die Potenziale von Technologien für zukünftige, effizientere Mobilität an der Schnittstelle Mobilität – Maschinenbau auf. Ob mit Range Extender-Lösungen für den modularen, universellen Einsatz in Elektrofahrzeugen als Reichweitenverlängerung, transferiert aus dem stationären Maschinenbau, Messtechnik für die neuen Antriebe, oder innovative Fertigungstechnologien und Produktionskonzepte für die kommenden Produkte der Elektromobilität.

Basis des Erfolgs der MobiliTec ist das VDMA E-MOTIVE Netzwerk der industriellen Gemeinschaftsforschung in FVA und FVV, den beiden weltweit führenden Forschungsvereinigungen zu den Themenfeldern Antriebstechnik und Verbrennungsmotoren. Hier arbeiten ca. 400 Unternehmen aus dem Maschinenbau, der Elektrotechnik und dem Automobilbau an gemeinsamen Forschungsthemen zusammen. Die besten Hochschulinstitute wurden aktuell mit ca. 50 Projekten rund um die Elektromobilität in das E-MOTIVE Netzwerk eingebunden.

Die erste MobiliTec ist laut VDMA ein voller Erfolg. Der Ansatz, auf die Innovationspotentiale rund um den Antriebsstrang zu setzen, sei genau das, was die Besucher sehen wollen. Die zusätzliche Umrahmung mit den begleitenden Messen im Umfeld der Energy, Research und Technology, wie auch der Coiltechnica ergänzen dies wunderbar.

„Die Hannover Messe ist aber auch als die gesellschafts- und wirtschaftspolitische Diskussionsplattform von durchschlagendem Erfolg und dies ist wichtig, bei diesem neuem Thema“, so Rauen. Zur nächsten MobiliTec setzt man sich nach dem erfolgreichen Aufschlag nun noch ambitioniertere Ziele. Durch die in 2011 dann zusätzlich begleitende motion, dríve & automation, wird die MobiliTec 2011 weiter beflügelt.

„Trotz Vulkanasche und der dadurch geringeren Anzahl der Besucher, waren die Anlagenhersteller im Energietechnikbereich mehr als zufrieden mit der diesjährigen Hannover Messe“, betonte Thorsten Herdan, Geschäftsführer VDMA Power Systems. Der weltweite Bedarf an Energie und damit an Stromerzeugungskapazitäten werde weiter steigen und damit verbunden auch die Nachfrage nach neuen, innovativen und klimafreundlichen Technologien. „Dieser Trend spiegelte sich auch im Besucherinteresse wieder“, betonte Herdan. „Sowohl die Hersteller von Brennstoffzellentechnologien als auch von Kraftwerkstechnik lobten insbesondere die substanziellen Gespräche und die hohe Qualität der Kontakte auf Besucherseite.“

Gut besucht war auch das „User Forum Power Plant Technology” in Halle 13, das sich mit allen Fragen rund um die Kraftwerkstechnik beschäftigte. Die vom VDMA vorgestellte Studie „Strommix in der EU 27″ stieß auf große Resonanz und unterstrich einmal mehr die Bedeutung der Hannovermesse als DIE mediale und politische Plattform im Energiebereich.

Ein weiteres Highlight war der World Energy Dialogue, auf dem internationale Topreferenten aus Politik und Energiewirtschaft über nachhaltige Energieversorgungskonzepte von Mega Cities und die Vernetzung von Regionen durch den Ausbau von Verbundsystemen diskutierten. „Somit bot die diesjährige Hannover Messe wieder einmal eine hochinteressante Diskussionsplattform für das Megathema Energie“, resümierte Herdan. In 2011 werden auf der Hannover Messe die Leitmessen „Power Plant Technology“ und die „Wind“ stattfinden.

Innovationen gegen Produktpiraterie besonders gefragt

Der Prototyp einer kopiergeschützten Werkzeugmaschine stand im Mittelpunkt des Besucherinteresses in Halle 17. „Das Thema Produktpiraterie und insbesondere die technischen Schutzmaßnahmen interessierte die Besucher besonders“, betonte Rainer Glatz, der im VDMA für die fachübergreifende Arbeitsgruppe Protect zuständig ist, die sich mit technischen Schutzmaßnahmen gegen Produktpiraterie beschäftigt. „Auch der Infotag Produktschutz war mit mehr als 100 Besuchern in der Robotation Academy ein voller Erfolg.“

Erfreulicherweise wurde der VDMA-Anwaltsservice zur Produktpiraterie, der auch dieses Jahr wieder zusammen mit der Kanzlei Heuking Kühn Lüer Wojtek angeboten wurde, vergleichsweise wenig in Anspruch genommen. „Vielleicht lag es daran, dass die Plagiate von vielen ausländischen Ausstellern gar nicht erst ausgepackt wurden, weil die Aussteller nicht nach Hannover reisen konnten“, sagte Hesse. Die diesjährige Messe stellt insoweit einen Sonderfall dar, denn bei der aktuellen VDMA-Mitgliederumfrage hat mehr als die Hälfte (53 Prozent) der von Produktpiraterie betroffenen Unternehmen angegeben, Plagiate der eigenen Waren auf Messen zu finden.

Automatisierungstechnik

Nach dem sehr zögerlichen Beginn mit überschaubaren Besucherzahlen vor allem am ersten aber zum Teil auch noch am zweiten Messetag hellten sich die Mienen der Aussteller am Mittwoch auf, denn dieser Tag war der bis dahin beste Tag. Einzelne Firmen berichteten, dass die Anzahl der Messegespräche in vergleichbarer Höhe zum Jahr 2008 war. Auch die Qualität der Gespräche war während der Messe überraschend gut und entsprach dem Niveau von 2008 und 2009. Im Bereich der Auto-matisierungstechnik sei ein Trend erkennbar: Die Anbieter von Automatisierungskomponenten und -lösungen beginnen, nicht nur einzelne Produkte anzubieten, sondern darüber hinaus umfassende Angebote einschließlich Software, Planungswerkzeugen und Unterstützung für Schnittstellenrealisierungen zu machen. Sie entwickeln sich damit vom Produktgeschäft hin zu umfangreichen Systemlösungen und Engineering – Dienstleistungen.

Digital Factory

Das Interesse der Besucher lag neben den üblichen Themen wie ERP, PLM, CRM und Lösungen für das Engineering vor allem bei dem Thema MES (Manufacturing Execution System) und Visualisierung. Bei MES zeigt sich, dass die Durchgängigkeit vom Büro in die Fertigung ein aktuelles Thema ist, das die Industrie beschäftigt. Auch das Thema Virtual Reality, das neben der Sonderausstellung von vielen Ausstellern aufgegriffen wurde, ist auf starkes Interesse gestoßen. Insgesamt blieben die Besucherzahlen auf der Digital Factory allerdings hinter denen der letzten Jahre zurück.

Bild: Impression von der Digital Factory: Internationale Leitmesse für Integrierte Prozesse und IT-Lösungen (Foto: Deutsche Messe AG)

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