Deutsche Wirtschaft gewinnt deutlicher an Fahrt

Das Hamburgische WeltWirtschaftsInstitut (HWWI) hat seine Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland aktualisiert. Aufgrund des stärker als erwarteten Wachstums im Schlussquartal 2014 und infolge entlastender Sondereinflüsse wird für 2015 nunmehr ein Wachstum von 1,9 % erwartet. Mit Belebung der Weltwirtschaft und der Investitions-tätigkeit in Deutschland wird das Wachstum auch im Jahr 2016 kräftig ausfallen und mit rund 1,75 % nur geringfügig niedriger sein als in diesem Jahr.

Die deutsche Wirtschaft ist zum Jahresende wieder kräftiger gewachsen als zur Jahres-mitte. Nach einem schwachen Sommerhalbjahr hat sich die Stimmung der deutschen Verbraucher und Unternehmen im weiteren Jahresverlauf deutlich aufgehellt, sodass das reale Bruttoinlandsprodukt im letzten Quartal 2014 mit einer Vorquartalsrate von +0,7 % kräftig wuchs. Stützende Effekte kamen wie zuvor überwiegend von der Binnenwirtschaft. Das stetige Beschäftigungswachstum, der geringe Preisdruck vor allem infolge stark fallender Energiepreise und Zinsen nahe der Nulllinie führten weiterhin zu einem deut-lichen Anstieg der Konsumausgaben bei den privaten Haushalten. Auch die Investitionen konnten im Schlussquartal wieder zum Wachstum beitragen; die Unternehmen zeigten sich weniger verunsichert durch die Schuldenkrise im Euroraum und die geopolitischen Konflikte. Gleichzeitig lieferte der Außenhandel zum Jahresende wieder vermehrt Impulse. So sind die Exporte trotz eines weltwirtschaftlich schwierigen Umfeldes mit einer Rate von +4,7 % kräftig gestiegen. Neben den Nachholeffekten aus den aufgeschobenen Investitionen tragen vor allem Sondereinflüsse, die stark gefallenen Energiepreise sowie der schwächere Außenwert des Euro zu der vorübergehend stärkeren konjunkturellen Dynamik bei.

Frühindikatoren weisen darauf hin, dass sich das deutsche Wirtschaftswachstum im Prognosezeitraum weiter erhöhen wird. So zeigen Stimmungsindikatoren wie der ifo Geschäftsklimaindex und der ZEW-Indikator eine positive Grundstimmung an. Gleichzeitig gewinnt die Weltwirtschaft langsam an Fahrt. „Die deutsche Wirtschaft gewinnt bei robuster Grunddynamik in den nächsten Monaten deutlich an Fahrt. Sie profitiert dabei derzeit von den niedrigen Energiepreisen und dem schwächeren Außenwert des Euro. Inwieweit daraus ein selbsttragender Aufschwung entsteht, hängt vor allem von der Entwicklung der Weltwirtschaft und insbesondere der Eurozone ab, die nach wie vor politisch sehr fragil ist“, sagt Prof. Dr. Henning Vöpel, Direktor des HWWI.

Im Prognosezeitraum wird die Binnenwirtschaft die wichtigste Wachstumsstütze bleiben. Die niedrige Arbeitslosigkeit und steigende Reallöhne bei gleichzeitig niedrigen Zinsen dürften das Konsumklima der privaten Haushalte stützen. Die expansiven Effekte von den Energiepreisen und dem Außenwert des Euro werden sich im Laufe des Prognosezeit-raums abschwächen. „Der Preisdruck dürfte in den kommenden Monaten zwar gering bleiben, sich aufgrund der Einführung des Mindestlohnes und angesichts der Lohnfor-derungen der Gewerkschaften im Jahresverlauf dennoch wieder erhöhen“, sagt Anja Rossen, Konjunkturexpertin am HWWI. 2016 sollte sich der Preisdruck mit anziehender Konjunktur und Erholung des Ölpreises weiter erhöhen, mit einer Rate von 1,6 % dennoch unter der 2 %-Stabilitätsmarke bleiben.

Der Arbeitsmarkt profitiert im Prognosezeitraum von der sich belebenden Konjunktur und der Zuwanderung aus europäischen Staaten. Insgesamt sollte die Erwerbstätigkeit in diesem und im nächsten Jahr mit 0,7 % bzw. 0,6 % ähnlich stark zunehmen. Die Arbeitslosigkeit sollte sich mit Belebung der Konjunktur weiter verringern. So zeigt das IAB-Arbeitsmarktbarometer für die nächsten drei Monate eine sinkende Arbeitslosigkeit an. 2016 sollten nach 2,84 Millionen Personen in diesem Jahr mit 2,83 Millionen geringfügig weniger Personen arbeitslos sein.

Im kommenden Jahr sollte sich der bisher ausgebliebene Investitionsaufschwung auf-grund von günstigen Finanzierungsbedingungen, des Nachholbedarfs und der weiterhin expansiven Geldpolitik der EZB entfalten, sodass die Anlageinvestitionen wieder vermehrt zum Wachstum beitragen werden. Die im letzten Jahr dämpfenden außenwirtschaftlichen Effekte werden die Konjunktur im Prognosezeitraum nicht mehr zusätzlich belasten. Im Gegenteil, im kommenden Jahr wird der Außenhandel mit deutlicher Belebung der Welt-wirtschaft wieder vermehrt positive Impulse liefern.

Das Staatskonto sollte im Prognosezeitraum leicht positiv bleiben. Während es in diesem Jahr aufgrund der expansiven Finanzpolitik und erhöhter Ausgaben für Sozialleistungen etwas geringer als im Vorjahr ausfallen sollte, sollte das Staatskonto im kommenden Jahr mit Belebung der Konjunktur und damit einhergehenden steigenden Steuereinnahmen wieder etwas höher ausfallen. Das größte Risiko für diese Prognose besteht weiterhin in der Entwicklung des Euroraums. Hierbei spielt vor allem die weitere Entwicklung in Griechenland eine Rolle. In der vergangenen Woche hat sich die Eurogruppe und Griechenland auf neue Reformvorschläge und der Verlängerung des Hilfsprogramms geeinigt. Des Weiteren kann eine Eskalation des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine eine erhebliche Destabilisierung der Weltwirtschaft auslösen. Konjunkturelle Auswirkungen können über die Finanzmärkte und induzierte Kapitalbewegungen ferner von der anstehenden Zinswende in den USA ausgehen.