Der Drache gewinnt weiter an Bedeutung

China zeichnet sich durch ein rasantes Wirtschaftswachstum aus. Zahlreiche Unternehmen beziehen Roh-, Halb- und Fertigerzeugnisse aus China. Das Land bietet ein bedeutendes Potenzial als Produktionsstandort und Beschaffungsquelle. Die Volksrepublik China (VR China) ist nach den Vereinigten Staaten von Amerika (USA) die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und wird voraussichtlich die USA in der Wirtschaftsleistung in den nächsten Jahren überholen. China hat in den letzten 20 Jahren ein rasantes Wirtschaftswachstum erreicht und stetig den Wohlstand der Bevölkerung erhöht. Reformen, ein sehr gutes Bildungs-system und andere strukturelle Aktivitäten haben das rasante Wachstum möglich gemacht. Industrien, z.B. Automobil, Maschinenbau oder Schienenverkehr, sind entwickelt und bieten innovative Beschaffungsmärkte wie Prof. Dr. Marc Helmold und Dr. Tracy Dathe konstatieren. Abbildung 1 zeigt, dass aus China mehr Produkte und Materialien mit einem Volumen von mehr als 93 Mrd. EUR als aus anderen Ländern beschafft wird. Auch der Export nach China ist von zentraler Bedeutung, hier liegt China auf dem 5. Platz.

Abbildung: Importe und Exporte aus der Sicht Deutschlands; Quelle: DIHK, 2017

Jedoch schwächelt die Wirtschaft seit Anfang 2016. Geprägt von einer niedrigen Binnen-nachfrage sinken seit Anfang 2016 auch die Exporte (Helmold & Terry, 2016). Mit 6,9% (im 2. Quartal 2016 sogar 6,7%: AHK, 2016) hatte China im Jahr 2016 das niedrigste Wachstum des Bruttosozialproduktes seit 25 Jahren. Ebenso kann die zunehmende Abschottung von Märkten die Exporte weiterhin negativ beeinflussen. Führungskräfte in der Industrie, Politiker und Wirtschaftsexperten fragen sich daher, ob sich die Beschaffung in China weiterhin lohnt (AHK, 2016). Damit einhergehend fragen sich Unternehmer, ob China aufgrund von Restriktionen und Problemen in den Bereichen wie Sicherheit, Internet, Meinungsfreiheit, Schutz der Eigentumsrechte noch als das ideale Beschaffungsland angesehen werden kann. Darüber hinaus spielen globale Megatrends wie die zunehmende Digitalisierung, Urbanisierung und Globalisierung eine tragende Rolle bei der Frage, ob man China als Beschaffungsland berücksichtigen sollte.

Investitionen in Infrastruktur
Um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, investiert der chinesische Staat jährlich eine gigantische Summe in den Ausbau der Infrastrukturen wie die folgende Abbildung zeigt. Der größte Bedarf durch die Industrialisierung liegt in den Sektoren Verkehr und Transport mit mehr als 700 Mrd. EUR in 2016 sowie in der Energieversorgung. Ferner spielt die Kommunikationsinfrastruktur vor dem Hintergrund von Industrie 4. 0 zunehmend eine wichtige Rolle. Dem Chinesischen Staatlichen Statistischen Amt zufolge ist das Investitionsvolumen in die genannten Bereiche von 2006 bis 2015 bereits um mehr als 400% gestiegen. Allem Anschein nach wird sich diese Entwicklungsdynamik auch in den nächsten Jahren fortsetzen.

Abbildung: Investitionsvolumen des chinesischen Staats in Infrastrukturen in Mrd. EUR; Quelle: Chinesisches Staatliches Statistisches Amt (abgerufen am 03.09.2017. (Umgerechnet von RMB Yuan in EUR mit dem Jahresmittelkurs der Europäischen Zentralbank)

Möglichkeiten der Beschaffung aus der VR China
Bei der Beschaffung in China gibt es unterschiedliche Ausprägungen wie die folgende Abbildung zeigt. Entscheidend für das Lieferantenmanagement und dem Einkauf sind in diesem Kontext der Aufwand (Investitionen) sowie die Kontrolle über den Beschaffungs-prozess. Bei der direkten Beschaffung über die heimische Einkaufsorganisation oder durch ein internationales Einkaufsbüro ist die Kontrolle am größten, wogegen bei der indirekten Beschaffung die Kontrolle über den Beschaffungsprozess geringer ist.

Direkte Beschaffung als Teilfunktion des strategischen Lieferantenmanagements
Die Beschaffung wird hier durch eine autonome und autarke Einheit des strategischen Einkaufs oder des „Lead-Buyer-Netzwerk“ mit voller Verantwortung der Auswahl, Qualifizierung und Steuerung der Lieferanten in China vollzogen. Die Einkaufbüros sind auch mit Aufgaben der Beschaffungsmarktforschung betraut (Helmold & Terry, 2016). Die Deutsche Bahn hat im Jahre 2015 ein eigenes Einkaufsbüro in China errichtet, welches auch Aufgaben der Beschaffungsmarktforschung übernommen hat. Aus Shanghai werden hier auch alle Asienaktivitäten koordiniert. Der Schwerpunkt liegt im Bereich des Einkaufs für Ersatzteilbedarfe und -umfänge. Die Frage ist hier, ob für den deutschen Markt vielleicht sogar komplette Züge aus China beschafft werden? Entsendete Einkäufer (engl. Expats oder Expatriats) kosten 250.000 EUR bis 500.000 EUR in einem Geschäftsjahr, wogegen lokale Mitarbeiter ca. 20% der Kosten eines sogenannten „Expatriats“ ausmachen.

Direkte Beschaffung durch ein Einkaufsbüro in China
(International Procurement Organization oder China Sourcing Office)

Bei technisch anspruchsvollen Produkten lohnt sich hier die Integration der Entwicklungs-, Logistik- und Qualitätsfunktionen in die Einkaufsorganisation. Einkaufbüros wie das von Siemens, der Deutschen Bahn oder von Bombardier Aerospace oder Transportation berichten an den strategischen Einkauf der jeweiligen Unternehmen und Zentralen in Europa (Helmold & Terry, 2016) und beinhalten mehrere Funktionen.

Direkte Beschaffung durch Joint Venture, Produktionswerk oder Vertriebsbüro
Bei dieser Form erfolgt die direkte Beschaffung durch eine Filiale in China oder einen Kooperationspartner (z.B. Joint Venture). Teilweise kann die Beschaffung auch durch ein Vertriebsbüro getätigt werden, das kleinere Umfänge in China einkauft. Aufgrund der fehlenden Erfahrung werden darüber meist einfache Artikel oder Katalogprodukte bezogen (Helmold & Terry, 2016). Beschaffung in einem kleinen Umfang kann auch durch Vertriebsfilialen und Verkaufsbüros getätigt werden. Hier bezieht sich die Beschaffung meist auf einfache Produkte oder Katalogumfänge. Ebenso können Partnerunternehmen oder sogar Zulieferer, die den lokalen Markt kennen, in kleinen Umfängen Beschaffungen für die Kunden übernehmen.

Indirekte Beschaffung durch Drittpartei (3rd Party Einkauf)
Dienstleiter und Einkaufprofis bieten diese Leistungen für Unternehmen an, die noch keinerlei Erfahrungen mit China haben. Die „German Centres“ in China bieten in ihrem Portfolio Beschaffungsdienstleistungen, insbesondere für Mittelständler für chinesische Produkte an (Helmold & Terry, 2016). Ebenso bieten sie Arbeitsleistungen und Maschinenparks für deutsche Unternehmen an, die in China fertigen wollen, aber aufgrund der hohen Investitionen keinen eigenen Standort aufbauen können oder wollen. Die direkte Beschaffung ist gekennzeichnet durch hohe Fixkosten durch die Etablierung einer funktionsfähigen Organisation.

Abbildung: Vor- und Nachteile der Indirekten und direkten Beschaffung in China; Quelle: Prof. Dr. Marc Helmold

Buchtipp
Markteintritt in China: Strategien und Handlungsempfehlungen für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU), (Veröffentlichung in 2018 im Springer Verlag).

von Prof. Dr. Marc Helmold und Dr. Tracy Dathe

Dr. Tracy Dathe
Frau Dr. Tracy Dathe ist eine erfahrene Finanzexpertin und Hochschuldozentin auf dem Gebiet der multinationalen produzierenden KMUs. Von 2012 bis 2016, als CFO bei der Erich Jaeger Gruppe in der Automobilzulieferindustrie, war sie verantwortlich für die kaufmännische Gesamtleitung im deutschen Headquarter sowie für die Tochtergesellschaften in China, Frankreich, Italien, Schweden, Tschechien, der Türkei sowie in den USA. Von 2014 bis 2016 wurde sie zur italienischen Niederlassungsleiterin der Erich Jäger Gruppe berufen.

Ihre Karriere startet Dr. Tracy Dathe bei der HOCHTIEF AG/Philipp Holzmann AG Sino-German Ertan Joint Venture in Südchina. Nach Stationen in verschiedenen Ländern wie Lesotho in Südafrika und Griechenland engagierte sich Dr. Dathe bei der Ina Schaeffler KG.

Heute unterstützt Dr. Dathe mit ihrem Unternehmen Dr. Dathe Consulting & Trading mittelständische Betriebe und arbeitet nebenberuflich als Dozentin in den Lehrgebieten Finanzmanagement bzw. internationale Kommunikation an verschiedenen deutschen Hochschulen, u. a. an der Frankfurt School of Finance & Management in Frankfurt am Main, der International School of Management (ISM) sowie der Hochschule Trier. Ihre Expertise in internationalen Kooperationen mit China verdankt sie nicht zuletzt ihrer langjährigen Praxiserfahrung in der Industrie sowie ihrer chinesischen Herkunft.

Prof. Dr. Marc Helmold

Prof. Dr. Marc Helmold (何勐德), M.B.A., ist seit 2018 Professor für Internationale Beschaffung an der HTW Dresden, davor an der IUBH Hochschule in Berlin. Er hat Erfahrungen in verschiedenen Führungspositionen in der Automobil- und Bahnindustrie in namhaften Unternehmen sammeln können. Er hat von 2002 bis 2006 in Japan und von 2013 bis 2016 in China gearbeitet. In China war er Geschäftsführer der China-Aktivitäten von Bombardier Transportation.

Mehr als sieben Jahre hat er in Fernost verbracht, davon vier Jahre in Shanghai, wo er von 2013 und 2017 Geschäftsführer des Chinabüros von Bombardier Transportation war. Die Bombardier Transportation Consulting hatte den Hauptsitz als eigenständiges Unternehmen (engl. WOFE, wholly owned foreign enterprise) in Shanghai und Außenstellen in fünf anderen Orten in China, darunter Changzhou, Liaoyuan, Changsha, Quingdao und Nanjing. Die Unternehmung hatte ein Gesamtbudget von mehr als 7 Mio. EUR und mehr als 65 Mitarbeiter, davon mehr als 90% lokale Mitarbeiter. Parallel war er für den Verkauf von Ersatzteilen in China und Asien-Pazifik verantwortlich. Seine Promotion hat er an der Universität zu Gloucestershire in Cheltenham und Gloucestershire im Bereich des Lieferantenmanagements abgeschlossen. Im Jahr 2016 ist er zum Professor an der Internationalen Hochschule Bad Honnef berufen worden. Parallel hat er seine eigene Beratungsfirma in der Prozessoptimierung MaHeLeanCon gegründet. Nebenberuflich ist er als Lehrbeauftragter an der Gloucestershire Universität, der FOM Hochschule in Berlin und der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) tätig. Seine Doktorarbeit hat 2013 den Emerald-Wissenschaftspreis in der Kategorie Supply Chain Management und Logistik gewonnen. Schwerpunkte von Dr. Helmold liegen in den Bereichen Markteintritt von KMU in China oder Japan, Lieferantenmanagement, Produktion, Logistik, Qualitätsmanagement und Marketing.