Corona: Einkauf fährt auf Sicht

Die Umfrage-Ergebnisse des Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) zeigen , dass die Industriebranchen unterschiedlich stark von der Corona-Pandemie betroffen sind und sich einzelne Zweige robuster als andere erweisen. Die Kernherausforderung für den Einkauf und die Lieferketten ist die anhaltend hohe Dynamik von Covid-19, so dass „Fahren auf Sicht“ immer noch das Gebot der Stunde ist.

„Die aktuellen Zahlen belegen, dass die Herausforderungen für industrielle Einkäufer, Logistiker und Supply Chain Manager weiterhin groß sind“, betont Olaf Holzgrefe, Leiter International des BME. Allerdings weist die Umfrage auch aus, dass die mit Corona einhergehenden Beeinträchtigungen der Lieferketten teilweise abflachen“, sagt Holzgrefe. Wenn allerdings ein Systemlieferant ausfalle, könne schnell die gesamte Produktion in Gefahr geraten.

Die Krise im Einkauf und der Lieferkette weitet sich weiter aus – wenn auch langsamer als erwartet. Während die Zahl der Unternehmen, die starke Auswirkungen der Pandemie auf ihre Geschäftsaktivitäten wahrnehmen, mit insgesamt 22 Prozent im Vergleich zur ersten Umfrage fast unverändert bleibt, hat sich die Verteilung geändert. So ist der Anteil der kritischen Beeinträchtigungen deutlich gewachsen. Und während vor drei Wochen noch 15 Prozent der Unternehmen keine negativen Effekte verspürt haben, sind es jetzt nur noch sieben Prozent.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Lieferketten von 53 Prozent der befragten Einkäufer inzwischen spürbar bis kritisch von der Krise erfasst worden sind. Als problematisch wird in diesem Zusammenhang insbesondere die Beschaffung von Schutzausrüstung für das eigene Unternehmen eingestuft. Holzgrefe: „Der Einkauf von Schutzausrüstung ist in einigen Unternehmen inzwischen Chefsache. Mittlerweile handelt es sich um ein kritisches Gut, da bei einem Scheitern der Beschaffung die Stilllegung der Produktion droht.“ Hier sieht der BME Handlungsbedarf bei der Bundesregierung, denn sonst scheitere neben dem Gesundheitssektor auch die Industrie an einem „Cent-Artikel“.

Beim genaueren Blick auf die Lieferketten zeigt sich, dass 63 Prozent der befragten Einkäufer mit Lieferverzögerungen zu kämpfen haben – zum Vergleich: Anfang April waren es 70 Prozent. Der Anteil an Lieferausfällen hat jedoch zugenommen und liegt nun bei 22 Prozent „Noch immer fällt eine Prognose zu den zukünftigen Entwicklungen von Lieferverzögerungen und -ausfällen schwer“ erklärt Judith Richard, Referentin der Fachgruppe „Lieferantenmanagement“ des BME. Auffallend sei aber, dass inzwischen 28 Prozent der Einkaufsorganisationen sogenannte Back-up-Lieferanten aktiviert haben, um die Materialversorgung sicherzustellen. „Dies wiederum zeigt, dass hier strategisch klug vorgearbeitet wurde“, fügt Richard hinzu.

Immer bedeutender wird auch das Thema „Liquidität“. Durch den Produktionsstopp in der Automobilindustrie sind für die Zuliefererindustrie zahlreiche Kunden weggebrochen. Viele Unternehmen produzieren allerdings weiter und erhöhen ihre Lagerbestände, um beim Wiederanlaufen der Fertigung die Nachfrage bedienen zu können und lieferfähig zu sein.

Der Blick über Deutschlands Ländergrenzen hinweg zeigt ein nicht ganz eindeutiges Bild. So ist Italien weiterhin das Sorgenkind der Einkäufer. Einzig Unternehmen mit Systemrelevanz haben hier noch Optionen. Als Herausforderung sehen die Einkäufer darüber hinaus neben Frankreich auch Spanien; allerdings dürfte sich dort die Lage durch das Wiedereröffnen vieler Produktionsstätten auf der iberischen Halbinsel bald etwas entspannen.

Abgesehen von Lieferverzögerungen normalisiert sich die Situation auch auf dem chinesischen Beschaffungsmarkt wieder langsam. Die Lage im Beschaffungsmarkt Indien sowie im Absatzmarkt USA verschärft sich hingegen zunehmend. Gerade im internationalen Lieferverkehr sind neben den Produktionskapazitäten in der Region die Fracht- und Transportkapazitäten das dominierende Thema.

„Transportkapazitäten in der Luftfracht sind knapp. Die Preise haben massiv angezogen“, berichtet Carsten Knauer, Leiter Logistik und Supply Chain Management des BME. Im Bereich der Europaverkehre sind seiner Einschätzung nach die Herausforderungen eher im Bereich von Grenzkontrollen und Quarantäne-Vorschriften für Lkw-Fahrer zu sehen. Lieferverzögerungen seien daher eine mögliche Folge. In einigen Bereichen hätten sich Bahntransporte als gute Alternative zum Lkw erwiesen.

Am Ende wieder einen Blick in die Glaskugel. Die Frage, wie es nach der Krise weitergeht, wird von einem Großteil der Einkäufer mit nur einem Wort beantwortet: „Digitalisierung“. Holzgrefe: „Hier werden künftig Begriffe wie Transparenz in der Lieferkette oder proaktives, digitales Risikomanagement eine größere Rolle spielen. Der BME beobachtet zudem einen Trend hin zur regionalen Beschaffung, um die Lieferantenbasis in Europa zu stärken.